Bei dem Laden gegen�ber der Mondstra�e blieb Lilli wieder stehen und besah
sich die Dinge im Schaufenster. Hier gab es immer die unglaublichsten Sachen
zu kaufen. Silbernen Schmuck, bunte Papageien aus Holz und geschnitzte Giraffen
zum Beispiel, manche gr��er als sie selbst. Annemi hatte ihr einmal erkl�rt, die
k�men tats�chlich aus Afrika, wo arme Menschen sie schnitzten um ihr Essen damit
zu verdienen. Lilli stellte sich vor, dass das eine sch�ne Art war, sein Geld zu
verdienen und �berlegte, ob es hier in Deutschland auch solche Berufe gab, wo man
sch�ne Dinge herstellte, die einem selbst und anderen Freude machten. Annemis Arbeit
schien nie Spa� zu machen, so wie die immer drauf war, wenn sie abends nach Hause
kam. Und obwohl sie st�ndig arbeitete, morgens vor sieben wegging und selten vor
acht heimkam, reichte das Geld nie.
Wie erwartet, gab es im Schaufenster wieder etwas Neues: Einen blauen Frosch mit
gelbem Maul und unglaublich gro�en F��en. Er war so gro� wie ein kleiner Hund und
sah einen so treuherzig an, dass man fast weinen musste, wenn man ihn zu lange ansah.
Lilli versuchte das Preisschild zu lesen um abzusch�tzen, ob er ein geeignetes Objekt
f�r den Weihnachts-Wunschzettel war. Aber das Anh�ngerchen lag verkehrt herum. Sie
spielte mit dem gefundenen Ring, den sie an die linke Hand gesteckt hatte, uns sah
sich nach weiteren interessanten Dingen um. Immer noch war es nicht einmal zw�lf.
Eine Stra�enbahn fuhr die Schillerstra�e hinunter. Sie war innen beleuchtet, obwohl
Tag war und fast leer. Ein Mann etwa in Annemis Alter in blauem Anzug rannte hinter
ihr her. Er hatte sie wohl an der letzten Haltestelle verpasst und versuchte nun, sie
einzuholen. Er hielt auch m�helos Schritt, jemand rief etwas, als w�rde er ihn anfeuern,
und er wurde tats�chlich noch ein bisschen schneller. Pl�tzlich h�rte Lilli noch mehr
Schritte, und dann erkannte sie, dass zwei andere M�nner dem einen folgten, und dass
die es waren, die nach ihm riefen. Die beiden Verfolger trugen Jeans und schwarze Jacken,
und Lilli konnte nicht verstehen, was sie riefen. Es schien eine fremde Sprache zu sein.
Fredy sprach manchmal so �hnlich, wenn er sich mit seinen Freunden unterhielt, die sich
st�ndig in seiner D�ner-Bude herumdr�ckten, ohne jemals etwas zu kaufen.
Der im Anzug schlug einen Haken, als h�tte er kein Interesse mehr an der Stra�enbahn, bog
in die Goethestra�e ein, kam auf Lilli zu und rannte an ihr vorbei. Sein Atem ging keuchend,
und er schien sie nicht einmal zu sehen. Seine Augen hatten etwas, was sie so noch nie bei
einem Erwachsenen gesehen hatte: Sie waren ganz weit und starr, als h�tte er vor irgendetwas
fruchtbare Angst. Jetzt erkannte Lilli, dass die anderen den Mann wirklich verfolgten, einer
lief auf der anderen Stra�enseite und hatte ihn schon fast �berholt, der zweite raste eben
an ihr vorbei. Er hielt etwas in der Hand, was sie nicht erkennen konnte. Lilli dr�ckte sich
ganz flach an die Wand und hielt den Atem an. Nun hatten sie ihn eingeholt, versuchten ihn
zu packen, er riss sich los, machte kehrt, und kam wieder zur�ck. Einer der anderen st�rzte,
fluchte laut und sprang sofort wieder auf die F��e wie ein Tier bei Gefahr.
Der im Anzug hatte einen Aktenkoffer dabei, was ihn vielleicht behinderte, sie hatten ihn
auch schon wieder, der j�ngere warf ihn zu Boden, knallte dabei selbst der L�nge nach hin,
der Aktenkoffer flog davon, �berschlug sich, platzte auf und schlitterte auf die Stra�e.
Der im Anzug brauchte einige Sekunden, bis er wieder auf den Beinen war, der andere blieb
liegen und gab r�chelnde T�ne von sich. Jetzt erst bemerkte Lilli, dass der R�ckspiegel des
Autos, neben dem die beiden hingefallen waren, abgebrochen war und zersplittert am Boden lag.
Der andere Verfolger, der �ltere, beachtete die am Boden liegenden gar nicht, sondern hatte
sich sofort auf den Koffer gest�rzt. Ein blaues Auto musste bremsen, hupte, er sah nicht
einmal auf, rafft alles zusammen, stopften es in den Koffer zur�ck und rannte davon. Schon
war er verschwunden, als w�ren er nie dagewesen. Der im Anzug sah ihm keuchend und mit
offenem Mund nach, hatte aber offenbar nicht mehr die Kraft, ihm zu folgen. Er hielt sich
das Knie, vielleicht hatte er sich weh getan. Der am Boden hatte die Augen geschlossen und
gab keinen Laut mehr. Ein wenig Blut kam aus seiner Nase.
Kopfsch�ttelnd fuhr der Autofahrer wieder an, Lilli h�rte, wie er vor sich hinschimpfte,
und dann war es auf einmal ganz still. Nur der Atem des Mannes, dem der Koffer geh�rt hatte,
war zu h�ren. Wie ein gehetztes Tier sah er um sich, �ffnete den Mund, schloss ihn
wieder, und Lillly hatte das Gef�hl, dass er sie noch nicht einmal bemerkt hatte, obwohl sie
nur drei Schritte von ihm entfernt stand.
Die Finger des Mannes am Boden machten noch ein paar kleine, zaghafte Bewegungen, als w�rde
er jemandem winken, ohne dass es andere sehen sollten. Lilli starrte ihn an, wagte nicht,
sich zu regen und atmete ganz flach. Die Bewegungen seiner Hand h�rten langsam auf, als w�re
er jetzt eingeschlafen. Hinter ihr quietschte eine T�r.
Aus dem Laden mit den Giraffen und dem Frosch trat eine Frau in einer bunten Bluse und
kurzem Rock, und das erste was sie sagte, war:
"Na, so eine Schei�e! Noch nicht mal Mittag und schon der erste Besoffene!" Dann sah sie
das Blut.