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Über
das Schreiben von Krimis, und warum Gerlach ausgerechnet in
Heidelberg ermittelt
(Nachwort aus dem Roman Heidelberger Wut)
Krimis zu schreiben, sagte meine sehr geschätzte Kollegin Maeve
Carels einmal, ist die Kunst, die immer gleiche Geschichte immer
wieder anders zu erzählen. Und wenn man darüber nachdenke, ist da
etwas dran. Jeder Kriminalroman, der etwas auf sich hält,
beschäftigt sich schließlich mit der Frage, aus welchen Gründen
Menschen schlimme Dinge tun und wie verzweifelt und am Ende
aussichtslos der Versuch ist, sie daran zu hindern. Diese bittere
Erkenntnis kollidiert nun leider heftig mit meinem angeboren
Optimismus. Als Krimiautor bin ich nämlich mit drei schweren, ja
geradezu Karriere schädigenden Handycaps gestraft.
Erstens glaube ich nicht, dass alles immer schlimmer wird.
Merkwürdigerweise sind ja die meisten Menschen davon überzeugt, dass
die Kriminalität in unserem Lande unentwegt zunimmt, während die
Statistik (von bestimmten "Mode"-Delikten abgesehen) seit vielen,
vielen Jahren hartnäckig das Gegenteil beweist. Unsere Gesellschaft
ist eben nicht im Begriff, in einem Abgrund von Unmoral und Mord und
Totschlag zu versinken, wie uns manche meiner Kolleginnen und
Kollegen gerne weis machen möchten (und was viele Leser offenbar -
vielleicht aus einer gewissen wohligen Freude an Untergangsvisionen
- wieder und wieder bestätigt haben wollen).
Zum Zweiten, und das ist für einen Krimiautor vielleicht ein noch
schwereres Manko, glaube ich nicht, dass es böse Menschen gibt.
Meine Täter sind Pechvögel, ob bereits von Geburt an oder im Laufe
ihres unglücklichen Lebens erst geworden, sei dahingestellt. Diese
Grundhaltung nimmt einem sehr viel Gestaltungsfreiraum beim
Schreiben eines Kriminalromans. Wie schön und spannend ist es doch,
einen durch und durch verdorbenen, gruselig perversen Massenmörder
durch die verregneten Nächte einer selbstverständlich immer
hoffnungslos vermüllten Großstadt zu jagen. Am Ende ist er zur
Strecke gebracht, endlich geht die Sonne auf, und die Welt ist
wieder in Ordnung. Ist sie eben nicht.
Denn das ist mein drittes Problem: Wenn ein Verbrechen aufgeklärt
und der Täter gefasst ist, ist nichts in Ordnung. Das Verbrechen ist
nicht ungeschehen gemacht, Opfer oder Hinterbliebene leiden noch
immer unter seiner Tat, und auch der Täter selbst wird natürlich
nicht froh durch den Ausgang der Geschichte. Das Einzige, was
erreicht wurde, ist, dass er vorläufig vermutlich keine weiteren
Verbrechen begehen wird, und dass Opfer und Gesellschaft eine
gewissen Genugtuung erfahren. Und wenn es gut läuft - und das
gelingt selbst bei Triebtätern viel öfter als man denkt! - wird der
Täter, der "Böse", auf die rechte Bahn zurückgebracht, in ein Leben
ohne Kriminalität.
Wie soll man nun auf dieser Basis Kriminalromane schreiben? Nach
langem Nachdenken wurde mir klar, es kann nur so gehen: Die dreckige
Metropole wird durch eine überschaubare Stadt ersetzt, in der das
Leben zumindest scheinbar noch in Ordnung ist. Heidelberg kenne ich,
seit kurz vor dem Abitur zum ersten Mal per Anhalter dort war.
Später habe ich es oft besucht, immer wieder genossen, und bald
lieben gelernt. Eine kleine Großstadt mit so unendlich vielen
Facetten, so voller Schönheit und Brüche, Romantik und an manchen
Stellen, die Heidelberger mögen mir verzeihen, eben doch Dreck und
Müll und den Problemen, die jede Stadt dieser Größe nun einmal hat.
Schon nach den ersten hundert Seiten des "Heidelberger Requiems" war
offensichtlich, dass diese Stadt als Handlungsort für einen
Kriminalroman nach meinem Geschmack geradezu eine Idealbesetzung
ist.
Zweitens: Kriminalrat Alexander Gerlach, mein Protagonist, ist kein
verlorener Trinker, kein am Leben und seinem Job Verzweifelter, kein
von Chef und Kollegen gemobbter einsamer Wolf, sondern ein Mensch
wie Sie und ich. Er hat seine Probleme, er hat auch seine Stärken.
Er hat seine Sorgen und Nöte und auch seine Erfolge und schönen
Momente. Manchmal mogelt er sich durch wie wir alle, hin und wieder
ist er sogar richtig gut. Oft wächst ihm alles über den Kopf, aber
irgendwie klappt es dann am Ende doch. Er hat - natürlich
nicht ganz ohne Absicht - eine Menge mit mir gemein. Wie ich, ist
auch er Vater von Töchtern und durchlebt alle damit verbundenen
Freuden und Leiden. Auch seine berufliche Situation ähnelt meiner
stark. Als Leiter eines relativ großen Forschungslabors sitze ich im
steten Spannungsfeld zwischen einem Chef, der Erfolge erwartet,
Untergebenen, die sie nicht immer liefern, und Umständen, die sie
nur zu oft fast unmöglich machen. Gerlach zerreißt sich als
Kripochef zwischen der Verwaltungsbürokratie, deren Teil er ist, der
Ermittlungsarbeit auf der Straße, von der er nicht lassen kann, und
seinem bewegten und oft kräftezehrenden Privatleben.
Und auch mein Gerlach glaubt natürlich nicht an das Böse im
Menschen, obwohl er das in Gesprächen manchmal anders
darstellt. Tief drinnen trägt er nämlich dieselben Überzeugungen,
denselben Optimismus wie sein Schöpfer. Dennoch möchte ich nicht in
seiner Haut stecken, und vermutlich möchten das auch nicht viele
meiner Leser. Ständig muss man Angst um ihn haben, manchmal will man
ihn an den Ohren packen und ausschimpfen, hin und wieder möchte man
ihn in den Arm nehmen und trösten. Aber am Ende freue ich mich
regelmäßig mit Gerlach, wenn es wider alle Erwartung noch einmal gut
gegangen ist. Auch wenn es ihm wieder nicht gelang, das Böse aus der
Welt, oder wenigstens Ordnung auf seinem Schreibtisch zu schaffen.
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