Unser
deutsches Strafrecht definiert Mord als »Tötung eines Menschen aus
Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder
sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit
gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu
ermöglichen oder zu verdecken.«
Keines dieser Motive trifft
auf mich zu. Viele sagen sogar, ich hätte aus einem der besten
Motive gehandelt, nämlich um einem Menschen das Leben zu
retten. Das ist aber nicht wahr. Als ich abdrückte, war es
bereits zu spät. Da gab es schon nichts mehr zu retten. Ich
habe einen Menschen getötet. Sinnlos. Ohne jeden vernünftigen
Grund. Wie ich es auch drehe und wende
-
mein Gewissen nennt es Mord ...
Jetzt sah auch ich den Mann auf dem
Dach. Er krabbelte gerade unbeholfen aus einer Luke, schien sich vor
der Höhe zu fürchten, stakste und stolperte über die Ziegel, Balke
brüllte etwas in sein Funkgerät, ein schwarzer Helm erschien in der
Luke. Ich hörte den Kollegen rufen, der Fliehende – jetzt erst
entdeckte ich, dass er einen Rucksack über der Schulter trug
-
zögerte kurz, wurde dann schneller, die Schritte jetzt noch
unsicherer als zuvor. Der Kollege rief ihn ein zweites Mal an, gab
einen Warnschuss ab.
»Das ist er!«, keuchte Balke. »Das
ist das Arschloch!«
Der Kollege an der Luke schoss ein
zweites Mal in die Luft. Das Ergebnis war lediglich, dass der
Flüchtende sich duckte, endlich die Brandmauer zum Nachbarhaus
erreichte, dort einen guten Meter Höhenunterschied zu überwinden
hatte, was ihm wegen des Rucksacks nicht im ersten Anlauf gelang.
Als er endlich oben war und sich wieder aufrichtete, bemerkte er,
dass er erwartet wurde. Selbstverständlich hatte ich auch die Dächer
der angrenzenden Häuser sichern lassen.
Der Mann mit dem Rucksack
verharrte, sah verstört zurück, wieder nach vorn, machte einen
stolpernden Schritt zur Seite und glitt aus. Er plumpste unsanft auf
den Hintern und begann zu rutschen. Ziegel rutschten mit, rasch
wurde er schneller, ließ den Rucksack fahren, versuchte verzweifelt,
sich irgendwo festzukrallen, wo es nichts zum Festkrallen gab. Ein
erst wütender, dann schon verzweifelter Schrei. Ein Schrei, der
jedem, der ihn hören musste, in den Ohren und in der Seele
schmerzte. Ein Schneefanggitter am Rand des Abgrunds bildete die
letzte Hoffnung, den letzten Widerstand vor dem Sturz, war jedoch
über die Jahre zu verrostet, flog zur Seite, ohne dem abwärts
schlitternden Körper nennenswerten Halt zu bieten.
Zwei, drei gellende Sekunden später
schlug der Körper mit einem dumpfen Laut auf dem Gehweg auf, und es
war wieder still.