Zu Fuß konnte ich mich besser im Schatten der Häuser
halten als auf dem Rad. Dennoch war ich schon nassgeschwitzt,
als ich den hundert Meter von meinem Büro entfernten
Römerkreis erreichte. Die riesige, sonst stark befahrene
Kreuzung lag heute nahezu verlassen. Ein fast leerer Linienbus
brummte vorbei, während ich auf Grün wartete, ein
himmelblauer Lieferwagen mit r�hrendem Auspuff, ein alter
VW-Käfer, dessen Fahrer wirkte, als würde ihn nur die
ohrenbetäubende Musik am Leben halten, die durch seine
offenen Fenster krachte. "Stairway to heaven" von Led
Zeppelin, registrierte ich automatisch. Der Asphalt war weich
und klebrig. Irgendwo zirpte eine einsame Grille. Endlich
wurde die blöde Fußgängerampel grün.
Die Dame an der Rezeption des Krankenhauses war eingenickt.
Alles in dem alten, aber bestens gepflegten Gebäude schien
zu schlafen. Mehr und mehr verstand ich, warum im Süden die
Uhren anders tickten als bei uns. Dass es bei diesen
Temperaturen Stunden gab, wo jeder Versuch, etwas Sinnvolles
zu tun, scheitern musste. Ohne eine Menschenseele zu treffen,
stieg ich die Treppen hinauf, kam am heiligen Josef vorbei,
der auf halber Treppe von einem Podest an der Wand gütig auf
mich herabblickte. Zweites OG, Chirurgie links.
Der lange Flur war bis auf einen Zivildienstleistenden
menschenleer. Der hockte Flüche vor sich hinmurmelnd am
Boden und versuchte, etwas an einem sperrigen Chrom-Gestell zu
reparieren.
"Sie sind von der Polizei, nicht?", fragte er, als ich an
ihm vorbeiwollte. "Hab Sie letzte Woche schon hier
gesehen."
Er erhob sich und reichte mir freudestrahlend die Hand. Der
junge Mann hatte die Statur von Sylvester Stallone und dabei
eine Stimme wie ein Chorknabe zwei Monate vor dem Beginn des
Stimmbruchs.
"Ich will zu Mrs. Miller", sagte ich. "Wie geht's ihr
heute?"
"Jeden Tag bisschen besser. Heut hat sie sogar Besuch."
"Besuch?"
"Ein Mann hat vorhin nach ihr gefragt. Ist noch keine
Minute her. Ihr Bruder. Ist extra hergeflogen, um sie zu
besuchen. Das wird sie freuen. Sonst kommt ja niemand. Außer
Ihnen natürlich."
Sie hatte einen Bruder! Endlich jemand, der sie kannte, der
mir etwas über sie erzählen konnte!
Der Zivi wandte sich wieder seinem verhassten Gestell zu.
Das Zimmer, zu dem ich wollte, lag ganz am Ende des Flurs. Von
irgendwo dudelte leise Country-Musik.
Auf dem Namensschild neben der Tür stand heute nur noch
ein Name. Das Nilpferd war entweder entlassen worden oder
hatte sich zu Tode geschnarcht. Als das Schloss nahezu lautlos
aufschnappte, fragte ich mich, wie der Bruder die Schwester
wohl gefunden haben mochte, wo doch gar niemand wusste ...
Als die Tür mit einem leise seufzenden Geräusch
aufschwang, war mir klar, dass der Mann, von dem ich im Moment
nur den Rücken sah, unmöglich Frau de Santos' Bruder sein
konnte. Er beugte sich gerade über sie. Wurden da
Begrüßungszärtlichkeiten ausgetauscht? Umarmungen?
Wangenküsse? Aber warum strampelte sie dann so unter der
Bettdecke?
Der Mann fuhr herum. Dunkle Haare, verschwitztes, schmales
Gesicht, drahtige Statur, gehetzter Blick. Er trug einen
leichten, hellen Trenchcoat, und nun war mir klar, dass er
weder einen Krankenbesuch machte noch mit der Patientin
verwandt war ...