Wenn mein Telefon zwischen neun Uhr abends und sieben Uhr morgens klingelt, dann bedeutet
dies in aller Regel eine Katastrophe. Nicht f�r mich, sondern f�r irgendjemanden dort
drau�en, eine Ehefrau vielleicht, einen Mann, eine Mutter, ein Kind. Jemand, der urpl�tzlich
allein ist auf der Welt, weil ein anderer einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.
Nat�rlich geh�rte es nicht zu meinen Aufgaben als Kripo-Chef, mir nachts im Regen an
Tatorten die Beine in den Bauch zu stehen, mehr oder weniger ansehnliche Leichen zu
betrachten und den ewig schlecht gelaunten Kollegen von der Spurensicherung bei ihrer
kleinkr�merischen T�tigkeit zuzusehen. Aber ich hatte mir angew�hnt,
zumindest am Anfang dabei zu sein, mir ein eigenes Bild zu machen. Ich hasste Schreibtischarbeit
seit jeher, und wenn man nicht aufpasst, dann kennt man als Chef bald nichts anderes mehr
als das viele trockene Papier auf seinem Tisch.
Liebekind hatte sich stirnrunzelnd damit abgefunden, dass ich es nicht lassen konnte,
mich in die Arbeit meiner Untergebenen einzumischen, und lie� mich in Frieden. Vermutlich
baute er darauf, dass ich irgendwann von alleine vern�nftig oder doch wenigstens faul werden
w�rde.
"M�nnliche Leiche im Schleusenbecken am Karlstor", erkl�rte mir eine m�rrische Stimme aus
der Telefonzentrale der Polizeidirektion. Mehr wusste bis zu diesem Zeitpunkt niemand.
Kriminaldauerdienst und Spurensicherung waren unterwegs, der Notarzt alarmiert.
F�nfzehn Minuten nach dem Anruf steuerte ich meinen guten alten Peugeot-Kombi durch das
ausgestorbene Heidelberg. Der Wagen war fast auf den Tag genau drei Monate �lter als meine
T�chter, und besonders humorvolle Kollegen hatten ihn fr�her gerne als Pampers-Bomber
bezeichnet. Ein b�iger Wind lie� die Stra�enlaternen schaukeln, der Asphalt gl�nzte feucht.
Ich f�hlte mich zerschlagen und fror.
Schon von ferne sah ich die Blaulichter am Stra�enrand. Klara Vangelis war nat�rlich
schon da, als ich ankam. Sie musste ja immer und �berall die erste sein. Sven Balke kam
Minuten sp�ter fast gleichzeitig mit dem Notarztwagen auf einem Mountainbike, das sicherlich
mehr wert war als mein Auto. Er sah verschlafen und ungek�mmt aus. Meine T�chter hatten
mich erst k�rzlich dar�ber aufgekl�rt, dass man dies heute nicht mehr als ungepflegt
bezeichnete, sondern als "out of bed Look".
Die Kollegen vom Kriminaldauerdienst hatten die Leiche des gedrungenen und
�bergewichtigen Mannes schon aus dem Wasser gefischt und am betonierten Rand des s�dlichen
Schleusenbeckens neben einem der Poller abgelegt. Die Pf�tze um den Leichnam herum wurde
rasch gr��er. Vor Schl�frigkeit nicht einmal �berm��ig grantige Beamte der Spurensicherung
zupften g�hnend an dem K�rper herum. Sie waren zu zweit und hatten eine gewisse �hnlichkeit
mit Dick und Doof.
Es roch nach Tang und Teer. Irgendwo im Dunkeln toste der Hochwasser f�hrende Neckar �ber
die Wehre in die Tiefe. In der Schw�rze unter uns gluckste es t�ckisch, Wellen klatschten
gegen die Mauern. Eine rote Ampel f�r Schiffe und das zuckende, kalte Licht der Blaulichter
beleuchteten die Szene.
"Wer hat ihn gefunden?", fragte ich einen mit glasigem Blick herumstehenden Uniformierten.
Stumm wies er auf ein versch�chtertes P�rchen im Hintergrund, das sich Hilfe und W�rme
suchend aneinander klammerte. Das M�dchen mochte f�nfzehn, h�chstens sechzehn sein, der
schlaksige Junge vielleicht gerade eben vollj�hrig. Ihre Augen wirkten, als st�nden sie
unter einer milden Droge. Vielleicht war es auch nur der Schock.
Viel zu erz�hlen hatten die beiden nicht. Guck mal, da schwimmt 'ne Wasserleiche, hatte
sie kichernd zu ihrem Liebsten gesagt und erst nach Sekunden begriffen, wie gr�ndlich ihr
Scherz misslungen war.
"Der Mann ist vorl�ufig nicht zu identifizieren", erkl�rte mir Doof, einer der
Spurensicherer, und wischte sich die H�nde an der Hose trocken. "Keine Papiere, nichts,
woraus man auf seine Identit�t schlie�en k�nnte. Alter auf den ersten Blick zwischen
vierzig und f�nfzig, H�nde gepflegt, kein Ehering, Kleidung Mittelklasse, Typ Junggeselle."
"Am Jackett fehlt ein Knopf", erg�nzte Dick. "Der ist vermutlich noch nicht lange ab."
"Seit wann ist er tot?", fragte Vangelis.
Ich sch�tzte sie als zuverl�ssige und intelligente Mitarbeiterin, mochte sie aber nicht
besonders, weil sie in meinen Augen zu ehrgeizig war. Und sie konnte mich noch weniger
leiden, weil sie gehofft hatte, an meiner Stelle Kripo-Chefin zu werden. Aber im Gro�en
und Ganzen kamen wir dennoch miteinander klar. Nur die rechte Herzensw�rme wollte sich
nicht zwischen uns einstellen.
Der Arzt, ein junger Kerl mit athletischer Figur und offenbar unverw�stlicher Laune
trat hinzu. "Der K�rper hat exakt Wassertemperatur", erkl�rte er mit breitem L�cheln,
w�hrend seine H�nde die zahllosen Taschen seines Sanit�ter-Anzugs absuchten. "Die
Totenstarre ist schon fast wieder verschwunden. Mindestens vierundzwanzig Stunden, w�rde ich
sagen, eher sogar l�nger."
"Was meinen Sie mit Typ Junggeselle?", wollte Balke wissen. Diese Frage war wieder an
einen der Kollegen von der Spurensicherung gerichtet.
Doof machte mit dem Mund ein schmatzendes Ger�usch und sah an Vangelis vorbei auf die
erleuchtete Altstadt. "Gucken Sie doch hin: Lila Hemd zu auberginenfarbenem Jackett! Wenn
ich meiner Frau so unter die Augen kommen w�rde, die w�rde am n�chsten Morgen zu ihrer
Mutter ziehen."
Der eklig feuchte Ostwind aus dem Neckartal durchdrang selbst meinen Wollmantel. Man
sp�rte, dass der Winter noch lange nicht zu Ende war. Der Januar war zu warm gewesen,
sodass die Zeitungen wieder einmal �ber den Treibhauseffekt und den drohenden Weltuntergang
philosophierten. In den letzten Tagen hatte das Wetter umgeschlagen, jetzt sollte es sogar
Schnee geben. Irgendwo klapperte ein Rettungsring im Wind gegen seine Halterung. Hin und
wieder erhellte ein Blitzlicht die Szene. Die Leiche wurde fotografiert.
Inzwischen war mir lausekalt, und ich suchte einen unverd�chtigen Grund, mich wieder in
mein Bett zur�ckziehen zu d�rfen. Aber auf keinen Fall w�rde ich vor Vangelis gehen.
Die schien jedoch nicht einmal zu frieren in ihrem makellosen Kost�m. Diese Frau wurde mir
immer unheimlicher. Balkes Laune hingegen verschlechterte sich rapide. Er sah immer �fter
auf die Uhr. Endlich klappten die Spurensicherer ihre Metallkoffer zu. Schl�sser schnappten
als Zeichen zum Aufbruch.