Am ersten September, einem Montag, begann mein Dienst. Ohne zu fr�hst�cken, fuhr ich
morgens um sieben in Karlsruhe los, um nicht gleich am ersten Tag zu sp�t zu kommen.
Meinen T�chtern hatte ich ihr Nutella und Toastbrot bereitgestellt, damit sie sich nicht
zu einsam f�hlten, wenn sie gegen Mittag aufstehen w�rden. Die Schule begann erst n�chsten
Montag wieder, und die M�dchen w�rden den Tag vermutlich wie �blich an irgendeinem
Baggersee verbringen, zusammen mit Leuten, die ich nicht kannte und vielleicht auch nicht
kennen sollte. Einen Bullen zum Vater zu haben, galt in gewissen Kreisen als krass uncool.
Zuletzt hatte ich noch einen Zehn-Euro-Schein unter das Nutella-Glas geklemmt, damit sie
sich etwas zu Essen kaufen konnten. Ich hoffte, dass er nicht nur gegen Big-Macs und Cola
eingetauscht wurde.
In dem f�r meinen Geschmack ungem�tlich gro�en B�ro f�hlte ich mich schon nach wenigen
Minuten einsam. Bis halb neun r�umte ich ohne viel Sinn in meinem altmodischen und muffig
riechenden Schreibtisch herum, stellte ein paar mitgebrachte B�cher in den dunkelbraunen,
noch altmodischeren B�cherschrank mit gruselig knarrenden T�ren und versuchte herauszufinden,
ob es hier eher nach Bohnerwachs oder M�belpolitur roch. Alles in allem hatte ich nun
zweiundzwanzig Beamte unter mir, darunter vier Frauen. Ich w�rde eine Weile brauchen, um
mir die Namen zu merken. Eine der Frauen war meine Sekret�rin, Sonja Walldorf. Sie war
schon vor mir am Platz gewesen, trug ein sommerliches Blumenkleid und schien
merkw�rdigerweise noch aufgeregter zu sein als ich. Meine Frage, ob es wohl eine Chance
gebe, diese scheu�lichen Antiquit�ten gegen etwas Moderneres auszutauschen, brachte sie
in Verlegenheit, da sie keine Antwort wusste. Offenbar war sie gewohnt, auf alles eine
Antwort zu wissen. Ich beschloss, bei n�chster Gelegenheit mit Liebekind �ber das Thema
M�bel zu sprechen. In diesem Museum wollte ich auf keinen Fall hausen. Mein n�chstes
Problem war der Kaffee. Die ganze Polizeidirektion duftete inzwischen nach frischem
Kaffee, aber ich traute mich nicht, Frau Walldorf danach zu fragen, aus Angst, sie k�nnte
beleidigt sein. Sie war ja die erste Sekret�rin meines Lebens, und ich hatte geh�rt,
manche von ihrer Sorte k�nnten t�dlich beleidigt sein, wenn man ihnen solch niedere
Dienste zumutete. Andererseits hatte ich keinen Schimmer, wo sich die Quelle befand, die
diesen verflixten Duft verbreitete. Erst, als sie mich verlegen-best�rzt fragte, ob ich
denn gar keinen Kaffee w�nschte, kam heraus, dass mein Vorg�nger darauf bestanden hatte,
t�glich Punkt halb neun ein dampfendes K�nnchen zusammen mit zwei frischen Croissants auf
dem Schreibtisch zu haben. Wir kamen �berein, dass man mit guten alten Gewohnheiten nicht
ohne zwingenden Grund brechen soll.
Die Croissants waren vom B�cker an der Ecke und schmeckten vorz�glich. Der Arabica-Kaffee
war frisch gebr�ht, eigens f�r mich, wie sie betonte. Wir sa�en noch zehn Minuten zusammen,
und sie gab mir einen ersten �berblick �ber die aktuellen Themen der Ger�chtek�che. Drau�en
schien die Sonne, durch die offenen Fenster drang Vogelgezwitscher und eine angenehm k�hle
Luft herein, die nach Sommer und Ferien roch. Ich f�hlte mich wohl.
Schlie�lich war es neun, der Kaffee zu Ende, und ich bat meine Sekret�rin, mich auf
meiner Begr��ungsrunde bei der Truppe zu begleiten. Die Kripo belegte fast das komplette
erste Obergeschoss des weitl�ufigen Geb�udes. Ich klopfte energisch an die erste T�r und
trat ein. Irgendwo hatte ich geh�rt, man solle als Vorgesetzter nicht auf ein "herein"
warten. Ein entschlossener Auftritt schafft Respekt. Drau�en hatte ich zwei Namen gelesen:
Erste KHK K. Vangelis und KOK S. Balke. Die beiden sprangen auf, als ich eintrat. Balke
deutlich schneller als seine Kollegin. Ich ging auf die Frau zu, um ihr die Hand zu
sch�tteln. Ihr Blick war k�hl, um nicht zu sagen abweisend. Liebekind hatte mir im Vertrauen
mitgeteilt, sie habe zu meinen engsten Konkurrentinnen gez�hlt, und Frau Walldorf hatte mich
mit bedeutenden Blicken darauf vorbereitet, dass die Erste Kriminalhauptkommissarin Klara
Vangelis leider oft gar kein umg�nglicher Mensch sei.
F�r ihren Dienstgrad war die Frau �berraschend jung. Sie musste �u�erst ehrgeizig sein.
Sehr z�gernd hob sie die Hand, und es war offensichtlich, dass sie absolut nichts dagegen
gehabt h�tte, wenn mich genau jetzt und vor ihren gro�en dunklen Augen der Teufel geholt
h�tte. Zu ihrer sichtlichen Erleichterung klingelte das Telefon. Sie wandte sich ab und lie�
mich mit ausgestreckter Hand stehen, obwohl auch Balke das Gespr�ch h�tte annehmen k�nnen.
W�hrend sie telefonierte, hatte ich Gelegenheit, sie zu betrachten. W�re sie einige
Zentimeter gr��er gewesen, sie h�tte als Model arbeiten k�nnen. �ppiges schwarz gl�nzendes
Haar, eine Figur wie aus einem Modekatalog ausgeschnitten und dazu eine helle Bluse und ein
dunkles Kost�m, dem sogar ich ansah, dass es dem Gehalt einer Kripobeamtin in keiner Weise
angemessen war.
Das Gespr�ch dauerte nur wenige Sekunden. Mit unbewegter Miene machte sie sich Notizen
und legte auf mit der Bemerkung: "Okay. Zehn Minuten."
Sie riss das Blatt vom Block und warf Balke einen Blick zu. "Mord im Emmertsgrund drau�en."