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Leseprobe
Die letzten Meter zu meinem Peugeot rannte ich, weil der Regen mit
jeder Sekunde weiter zunahm. In der Eile bekam ich den Schlüssel
nicht gleich ins Schloss. In der Nähe klappte eine Autotür, endlich
passte der Schlüssel, das Schloss klickte, ein mächtiger Stoß traf
mich im Rücken und warf mich gegen den Wagen. Im nächsten Moment
hatte ich einen kräftigen Männerarm um den Hals und wurde vom
Gewicht seines Besitzers gegen die Fahrertür gepresst.
»Was …«, presste ich heraus. »Was soll das?«
Ich erwartete, dass der Verrückte hinter mir mein Portemonnaie oder
meine Brieftasche verlangen würde. Oder die Wagenschlüssel. Aber wer
stielt schon ein sechzehn Jahre altes Auto, das noch nicht einmal
elektrische Fensterheber hat?
»Ich war’s nicht, hörst du?« fauchte er mir stattdessen mit heißem
Atem ins Ohr. »Ich bin’s nicht gewesen, du Arschloch!«
»Was sind Sie nicht gewesen?«, quetschte ich heraus.
Allmählich wurde mir die Luft knapp. Ich wand mich, versuchte, mich
zu befreien, aber er war stärker als ich und eindeutig in der
besseren Position.
»Das weißt du ganz genau, Arschloch! Du hetzt mir die Bullen auf den
Hals, weil du denkst, ich hätt die Anita umgebracht!«
Es war nicht mein Verstand, der schließlich reagierte. Es waren
tausendfach trainierte Reflexe, die völlig automatisch abliefen. Ich
trat ihm hart auf den Fuß, im nächsten Augenblick bekam ich wieder
Luft, und eine Sekunde später lag Armin Kettenbach ächzend und
zusammengekrümmt in einer Pfütze. Ich öffnete die Wagentür, innen
ging Licht an, und nun konnte ich ihn endlich sehen. Mir zu Füßen
wand sich ein etwas zu kurz und zu breit geratener Mann und hielt
sich den Bauch. Er steckte in einem blassblauen Jeans-Anzug und trug
unglaublich schmutzige Puma-Sportschuhe.
»Stehen Sie auf«, herrschte ich ihn an.
Er gehorchte, aber es war eine ziemliche Prozedur, bis er wieder auf
seinen im Moment etwas wackligen Beinen stand. Immer noch stöhnend
hielt er sich den Magen, wo ihn vor wenigen Sekunden mein Knie
getroffen hatte. Ich war überrascht von meiner eigenen Reaktion.
Mitleid verspürte ich nicht.
»Kommen Sie«, sagte ich, »steigen Sie ein. Nein, warten Sie …«
Ich wollte keinen vor Nässe triefenden und sich womöglich
erbrechenden Kerl im Auto sitzen haben. »Gehen wir da rüber zur
Bushaltestelle.«
Ich ging voran, Kettenbach folgte mir hinkend und jammernd. Sekunden
später saßen wir in trübem Licht nebeneinander auf einer Holzbank
unter einem Dach, auf das wütend der Regen prasselte.
»Sie sind doch dieser Gerlach?«, fragte Kettenbach kläglich »Sie
sind doch dieser Kriminaldings Gerlach?«
»Allerdings, ich bin der Kriminaldings. Und Sie haben sich gerade in
eine ziemlich unangenehme Situation gebracht.«
»Es hat verdammt lang gebraucht, bis ich Sie gefunden hab!«
»Warum sind Sie nicht einfach in mein Büro gekommen? Wir hätten in
Ruhe miteinander reden können und uns nicht im Regen prügeln wie
Halbstarke.«
»Ich …« Kettenbach verzog das Gesicht. Mein Tritt war wohl ziemlich
hart gewesen. Hoffentlich hatte ich ihn nicht ernstlich verletzt. »…
nicht getraut.«
»Aber mir an den Hals zu gehen, das haben Sie sich schon getraut.«
»Das war verrückt von mir. Entschuldigung.«
»Machen Sie keine Witze!«
»Ich hab so lang gewartet und gegrübelt und gewartet. Ich bin total
ausgetickt, tut mir echt leid, Mann!«
»Was wollen Sie denn eigentlich von mir?«
»Ihnen sagen, dass ich die Anita nicht umgebracht hab. Das ist es
doch, was Sie denken: Dass ich sie umgebracht hab.«
»Sie hatten ein prima Motiv. Sie hatten die Gelegenheit. In der
Tatnacht waren Sie nämlich nicht an Ihrem Arbeitsplatz, wie Sie mir
erzählt haben. Sie haben Frau Bialas in den Wochen vor der Tat
ungefähr tausendmal angerufen.«
»Ich bin’s aber nicht gewesen. Ich war in Genf, in der Nacht.«
Kettenbachs roch nach einem teuren After-Shave, das nicht zu seinem
billigen Jeans-Anzug passte. Eine Weile schwiegen wir.
»Ist schon ein Elend mit den Frauen«, murmelte er schließlich. »Man
kann nicht mit ihnen leben, man kann nicht ohne sie leben.«
Ich nickte unwillkürlich.
»Sie kennen sich damit aus?«
Mein Nicken war ihm nicht entgangen.
»Welcher Mann tut das nicht?«, seufzte ich.
»Schwule«, erwiderte er ernsthaft.
»Die haben vermutlich ähnliche Probleme. Nun sagen Sie schon, wo
waren Sie in der Nacht?«
»Im Bett«, seufzte er. »Bei einer Nutte. Bei einer kleinen,
dreckigen Nutte bin ich gewesen und hab’s mir ordentlich besorgen
lassen. Und wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Das mach ich öfter,
seit die Anita … nichts mehr von mir … wissen will.«
»Sie können Sie nicht vergessen?«
»Ich denk nichts Anderes, von morgens bis abends, als Anita, Anita,
Anita. Hab gedacht, wenn ich weit weg bin, dann wird’s besser.
Wird’s aber nicht, es wird nicht besser. Und jetzt ist sie tot. Ich
bin fast verrückt geworden, die letzten Tage. Hab’s einfach nicht
mehr ausgehalten in dem blöden Genf. Ich musst wenigstens noch mal
das Haus sehen, wo sie gewohnt hat, irgendwas, verstehen Sie? Wo ich
mit ihr zusammen gewohnt hab, irgendwas musst ich noch mal sehen.
Ich weiß, es ist bescheuert, aber ich konnt einfach nicht anders.
Hab seit drei Tagen nicht mehr geschlafen. Seit ich weiß, dass sie
tot ist, hab ich nicht mehr geschlafen.«
Ich schwieg. Was sollte ich sagen?
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